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36. Jahrgang InternetAusgabe 2002
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Stefan George

 

2.

Neugestaltet umgeboren

Wird hier jeder...

  

 Von außen wie von innen war der George-Kreis eine einmalige Erscheinung, – fast so rätselhaft und sagenumwoben wie der Meister selbst. In den Jahren vor dem ersten Weltkrieg, als der gute Bürger alles ihm Fremde mit blinder Neugier beäugte und mit sittlicher Entrüstung ablehnte, äußerte sich die Unkenntnis und der Unverstand in übler Nachrede, – unmittelbar nach seinem Ende, als der Zusammenbruch des Wilhelminischen Deutschland viele des Halts Beraubte nach neuen Stützen suchen ließ, im Verlangen nach Aufnahme. Gegen die böswilligen Verleumder half zeitweise gerichtliche Klarstellung, – gegen die ahnungslosen Toren die öffentliche Verwahrung, daß der „Kreis“ kein Verein sei, dessen Satzungen man erhalten und in den man gegen Zahlung einer Gebühr eintreten könne .. Daß eine Gemeinschaft von Gleichgesinnten ohne Jahresbeitrag, ohne Programm und ohne Rechts- und Polizei-Schutz Bestand habe, diese schlichte Tatsache leuchtete dazumal nicht ein und wird vielleicht in Zukunft noch unbegreiflicher erscheinen.

 Wahrscheinlich sind die Nachfahren immer geneigt, im gemeinsamen Leben eines Meisters mit seinen Jüngern die Bedeutung der sachlichen Bindung zu überschätzen und darob den lebendigen Strom von Mensch zu Mensch, der die geheime Kraft, die weiterzeugende Natur und doch auch die vergängliche Erscheinung der Gemeinschaft ist, zu verkennen oder zu unterwerten. Gewiß ist im Sokratisch-Platonischen Kreis das Gewicht des gemeinsamen Philosophierens außerordentlich groß, und niemand hatte auch nur Zugang, der zum mathematisch-philosophischen Denken nicht begabt war. Und erst recht wird in der Jüngergemeinde, die Jesus um sich scharte, niemand das Gewicht des gemeinsamen Credo verkennen, welches das Gesetz, die Propheten und den in vorbildlichem Wandel den gläubigen Jüngern voranziehenden Messias umfaßte. Aber war nicht dort wichtiger als die Weisheit und hier wichtiger als der Glauben die allumfassende Liebe? Hat nicht Hölderlin in Patmos von diesem tiefsten Geheimnis so viel in Sprache gefaßt, als überhaupt gesagt und gedeutet werden darf? Hat nicht George selbst diesseits Begehung und Bild auf dies Letzte gewiesen, als er die schlichten Worte vom See der Heimat wiederholte: Liebt ihr mich?

 Und dennoch: das Suchen nach der ewigen Schönheit dort, der Glaube an die offenbarte Wahrheit hier sind inhaltliche Lebensvorgänge und -ziele, die bis zur heutigen Dämmerung unzähligen Geschlechtern das Mitleben und Nachleben der Gründung nach ihrem Verstand erlaubt haben, wenn auch noch so Vieles verloren ging und „von der Rede verhallet der lebendige Laut“. Daß nichts Dergleichen sich von George und seinen Freunden sagen ließ, hat zumal die Gelehrten, die inhaltliche Anhaltspunkte für ihre klassierende Einreihung suchten, tief beunruhigt. Wir haben einmal dem Meister berichtet, daß Eberhard Gothein beanstandet hatte: in unserer Deutung des Platonischen Staates als Staates der rechten Mischung und des rechten Maaßes seien „nur formale Kriterien” gegeben, – und daß es nicht gelungen sei, den Alten davon zu überzeugen: was er „formal“ nenne, sei Zeichen und Gefäß und Ausdruck des Lebens selbst. Die Antwort Georges war: „Tor! Wenn ers verstehen könnte, würde er zu uns gehören”.

 Wirklich ist von hier aus ein Besonderes des Georgeschen Reiches zu verstehen. Es war nicht so sehr ein neuer Glaube als eine neue Haltung, die George lebte und lehrte. Haltung aber ist nicht in Formeln und Gebote zu fassen, Haltung ist sogar im letzten Grunde nicht lehrbar, da sie mit dem lebendigen Wachstum sich notwendig verändern muß, da sie niemals bloß nachzuahmen, immer neu aufgegeben ist. Darum hat auch das Gesetzbuch des Kreises, als welches „Der Stern des Bundes“ in mancher Hinsicht gelten kann, nicht weniger Verwirrung als Ordnung gestiftet.

 Früher wurde auf das Mißverständnis derer hingewiesen, die im „Stern” – in Georges Wort – eine Art von Kriegsbrevier erblickten, und jener andern, die durch äußere Angleichung sich den Schein der  Zugehörigkeit erschlichen. Aber letztlich waren diese „Blätteriche” ungefährlich – George selbst besah sich meist mit vergnüglichem Lächeln die Jünglinge, die erst mit der violetten, dann mit der dreimal-geschlungenen Krawatte, dann mit der Halskette, dann mit der hochgeschlossenen Jacke sich als würdige Adepten empfehlen wollten .. Sehr ernst dagegen nahm er es und verwahrte sich mit Schärfe, wenn das Glück der Zugehörigkeit zum „Kreis” manche der Jüngsten dazu führte, sich ablehnend oder gar ehrfurchtslos zu verhalten gegenüber dem Elternhaus, dem sie entwuchsen.

 Der Gegensatz zwischen Vätern und Söhnen, der zu den bewegenden und tragischen Elementen aller Geschichte gehört, gewann vor und nach dem ersten Weltkrieg – wie in jeder Wendezeit – vielfach den Anschein der Unversöhnlichkeit. Väter, die im wirtschaftlichen Aufschwung des 19. Jahrhunderts den Anbruch des goldenen Zeitalters erblickt hatten, sahen nicht nur ohne Verständnis auf ihre Söhne, die überall knisternde Flammen im Gebälk erwitterten, sondern schalten obendrein die Erschreckten gefährliche Aufrührer und leichtsinnige Brandstifter. Söhne, die sich als Vorläufer und Träger einer neuen Welt fühlten, sahen nicht nur ohne Verständnis auf ihre Väter, die – oft in echter Nachfolge des Weisen von Weimar – sich allen Neuerungen widersetzten, sondern schalten die Bewahrenden obendrein gefährliche Rückschrittler und verknöcherte Lebensfeinde. Und hatten nicht beide Gruppen das Recht, sich zur Begründung ihres Verdachts oder zur Stütze ihrer Verdammung auf die Dichtung zu berufen:

Väter mütter sind nicht mehr ..

 Dieser Vers wie das ganze Gedicht und das ganze dritte Buch des „Sterns“ kann nicht wörtlich genug genommen werden. Aber wie oft hat George eingeschärft, daß „wörtlich“ nehmen zuvörderst ein richtiges Verstehen voraussetzt und daß selbst wenn das richtige Verstehen die Scheidung von Ungemäßem und Hemmendem zur Folge hat, keine Not der Trennung einen Freibrief für Ungezogenheit und Ehrfurchtlosigkeit enthält!

 Tatsächlich haben alle Jünger durch Sendung und Segen Sippe und Stand, viele den Namen getauscht. Von Friedrich und Ernst Gundolf ist es bekannt und wurde früher von uns erwähnt. Wir selbst erfuhren die kleine und doch so wesentliche Änderung, daß der Meister den Nachnamen, der bis anhin französisch gesprochen wurde, deutsch aussprach – mit dem Ton auf der zweiten Silbe.

 Die Gewöhnung von langen Jahren läßt die Bedeutung des Namen-Tausches leicht zurücktreten. Aber daß die Söhne des Mathematik-Professors und der Frau Gundelfinger: Gundolf hießen, das hat doch zumal in ihrer Heimatstadt das Gefühl geweckt und genährt, daß sie von besonderer Art sein müßten. Und wir haben es selbst erlebt, wie schon die andre Aussprache des Namens ausreichte, um aus dem überkommenen Gehege von Familie und Nachbarschaft und Vaterstadt herauszurücken. Vielfach war es nur der Vorname oder auch ein Beiname, der vom Meister gewählt, verändert oder verliehen wurde, und es kam vor, daß sich Jünglinge, die ein besonderer Anlaß um den Meister vereinigte, nie anders als unter diesen meisterlichen Namen kannten.

 Wenn diese neue Sohnschaft, wenn das Heraustreten aus der alten Sippe dazu führte, daß die Beziehungen zu entfernten Verwandten oder Schulfreunden erkalteten oder abbrachen, so hatte der Meister gegen diesen naturgemäßen Ablauf nichts einzuwenden. Die Eltern aber durften nicht betroffen werden. Die Tatsache, daß er selbst zum neuen, geistigen Vater wurde, entband nicht von der Ehrfurcht gegenüber dem leiblichen, und er hat daher Alles in seinen Kräften Stehende getan, um zu verhindern, daß seine jüngsten Jünger, froh der Erwählung und stolz auf ihren Stand, die Familie ihres Ursprungs mißachteten oder gar kränkten. Diese Gefahr drohte fast immer. Denn der Hochmut ist eine häufige Eigenschaft gerade der besten Jugend, und die starre Befolgung eines harten Grundsatzes hält sie oft für ein Zeichen der Geradheit und Treue. Auf der andern Seite, bei den Eltern, blieben eifersüchtige Regungen selbst dann nicht aus, wenn sie sonst sich um die geistige und leibliche Entwicklung ihrer Kinder nicht viel gekümmert hatten, und je stärker die eigene, geistige Bedeutung der Eltern schien, umso größer war zumeist ihre gereizte Empfindlichkeit.

 Als der Meister im Mai 1919 Eberhard Gothein besucht hatte, sprach (18. Mai 1919) er ausdrücklich und ausführlich von diesen Schwierigkeiten, die er sonst selten wichtig genug nahm um davon zu reden, – häufiger hat er schweigend gehandelt. George war, seit er den 14jährigen Percy zum ersten Mal gesehen hatte, mehrfach im Hause Gothein zu Besuch gewesen, – er hatte es gefördert, daß Gundolf freundschaftlich dort verkehrte,– er hatte es gern gesehen, daß wir Jungen im Sommer 1914 dort unsre Heimstatt fanden, – immer in der Hoffnung, daß die Luft der Dichtung das Haus erfülle und das Wachstum des schwerblütigen Jünglings fördere. Fast ein Jahrzehnt war seit dem ersten Besuch vergangen. Aber die Sorgen des Meisters waren nur gewachsen. Der junge Percy fand, wie es früher geschildert wurde, nicht die Kraft die Schwelle zu überschreiten, und die Eltern, die für sein berufsmäßiges Fortkommen fürchteten, sahen mit steigendem Mißfallen auf seine dichterischen „Ablenkungen“. Eine Auseinandersetzung mit der leidenschaftlichen Mutter hielt George nicht mehr für sinnvoll. So hatte er in ihrer Abwesenheit Percys Vater besucht.

 Doch er kehrte mißgestimmt zurück, fast vergrämt. In dem alten Gelehrten sei ihm, sagte er, wieder einmal die Sinnlosigkeit des Daseins dieses ganzen Geschlechts entgegengetreten: Tausende von Studenten waren an Gothein vorübergezogen, – keiner stand zu ihm, der nicht durch George und Gundolf mit ihm verbunden war. Gothein hatte von seiner tiefen, berechtigten Verzweiflung über das Unglück Deutschlands und über die jämmerliche Haltung der meisten Deutschen gesprochen, – George dachte ihn zu trösten, indem er auf die schöne und stolze Jugend wies, die um ihn wuchs. Aber unversehens war auch jene Erschütterung und dieser Ausblick nur noch Anlaß - und Thema eines gescheiten Gesprächs, – der Gelehrte erklärte dem Dichter, der Inhalt der Weltanschauung seines Kreises müsse deutlicher herausgearbeitet werden... Als wenige Monate spater Georges Verse „Der Weisheitslehrer“ erschienen, dachten wir zuerst, diese Tafel halte den Eindruck des geschilderten Gespräches fest. Aber sie ist aus anderm Anlaß entstanden, – es war nicht nur Gothein, es waren mit ihm die Besten des alten Gelehrtengeschlechts – so Simmel, so Breysig –, die einen Weg zur Dichtung fanden und doch unbeirrt an ihrem alten, menschenleeren Gehäuse weiterbauten.

 George hat Eberhard Gothein nach diesem Gespräch nicht wieder aufgesucht. Aber nicht dieser Verzicht ist für seine Haltung zu den Eltern seiner Söhne bezeichnend, sondern umgekehrt die Tatsache, daß er neun lange Jahre nicht müde wurde, um des jungen Percy willen selbst die Beziehung zu den Eltern zu pflegen. So aber, unermüdlich sorgend, wachte er über uns Allen. Er ließ sich durch Gundolf Einzelheiten des Lebens der Jüngeren berichten, mit denen diese nie ihn zu belästigen gewagt hätten. Als sich zu Hause kleinere Schwierigkeiten ergaben, wurde Gundolf bei nächster Gelegenheit zu Besuch gesandt, und dieser Meisterbote hat durch die kindliche Ungezwungenheit und durch die bezwingende Bescheidenheit seines Wesens im elterlichen wie in manchem befreundeten Hause einen Teil der entstandenen Sorgen für immer weggeräumt, – wo solch beglückende Menschlichkeit gedieh, da konnte für die leiblichen Söhne, auch wenn sie entfremdet schienen, doch keine bedenkliche Gefahr drohen, und so geleitete sie fürder wenn auch nicht immer elterliches Verständnis, so doch wieder elterliches Vertrauen.

 Von manchen Dornen und Hecken hat solche Hilfe den äußeren Weg der Jünger gereinigt. Georges Ziel war dabei nicht, ihnen das Leben im bürgerlichen Verstand zu erleichtern, – das hat er ihnen nie getan, so wenig wie sich selbst, – sondern ihre Kräfte zu sparen für das einzige Feld, auf dem der volle Einsatz lohnte und auf dem genug Gefahren, innere Gefahren zumal, ihrer harrten. Vor Allem aber war ihm wichtig, daß Seine Jugend nicht durch einen unnötigen Kampf  in eine falsche, gemeinsame Front mit ihren Altersgenossen gerückt wurde, von denen sie ihre neue Haltung nicht minder tief unterschied und trennte als vom älteren Geschlecht.

 Die Stärke dieses Gegensatzes war damals und ist heute nicht überall in ihrer ganzen Tragweite erkannt. Manche Führer der Jugendbewegung meinten, der Vortrag von Gedichten Hölderlins und Georges bei ihren Wanderungen und Feiern verbinde sie mit der Dichter-Jugend, und besonders von den Freien Schulgemeinden aus wurden vielfältige Anknüpfungen versucht. Aber nicht nur das Wissen des Meisters, daß der langjährige Einfluß falscher Erzieher niemals auszugleichen, ein heillos verbogenes Wesen nicht mehr grad zu richten sei, verhinderte auf die Dauer alle sinnlose, ja schädliche Vermischung, sondern vielleicht stärker noch die nachsichtig gewährende Art, mit der George allzu Schwerhörige in ihre eigenen, schlechten Erfahrungen hineintappen ließ und der nicht gerade tröstliche, aber sehr heilsame Hohn, mit dem er sie beim Auftauchen begrüßte. Wir Jüngeren erlebten dies zuerst 1914, als in Heidelberg Paul Reiner, ein Schüler Wynekens, Vielen von uns, auch Gundolf, freundschaftlich nahe trat. George verabscheute das doktrinäre Gehaben von Wynekens Schule und warnte, Reiners blinde Ergebenheit zu seinem Lehrer als menschlichen Vorzug anzuerkennen. – Ergebenheit gegen einen dürren und aufgeblasenen Schulmeister sei eher bedenklich als rühmlich. Wir haben die Warnung nur mit halbem Ohr gehört. Aber es dauerte nicht lange, bis Reiner selbst die Notwendigkeit einer Entscheidung erkannte und – uns verließ.

 Nach dem ersten Weltkrieg waren es andere „Bewegungen“, waren es vor Allem politisch-gerichtete Bünde, die Anschluß bei der Dichter-Jugend suchten, – sie verwechselten ihre nationalistischen Hoffnungen mit der staatlichen Haltung des Kreises. George wehrte hier jeder Grenzverwischung. So sehr er sonst bereit war, sich junge Menschen anzusehen, für die sich seine Freunde interessierten, – politisierende Jugend ohne geistigen Halt und ohne geistigen Willen war ihm noch tiefer zuwider als die Bierbankphilister, deren innere Leere und geheimer Sadismus ihm im Februar 1919 in München als gefährliche Drohung der nächsten Zukunft erschienen war. Als Gundolf ihn auf einen jungen Deutschrussen aufmerksam machte, der viel mit uns Allen verkehrte und durch einen Zufall im gleichen Schloßberg-Hause wohnte, lehnte George daher schroff ab, ihn auch nur zu empfangen. Wir dürften uns nicht durch das gute Aussehen täuschen lassen, – so übermittelte Gundolf die meisterliche Warnung; eine schmucke Uniform und ein finnisches Freiheitskreuz seien kein Ersatz für das fehlende innere Licht, und die verantwortungslose Liebenswürdigkeit, die er mit vielen Balten teile, sei heute kein Reiz mehr, sondern nur noch eine Gefahr. Auch diese Warnung hat nur halb gefruchtet. Aber wenngleich sie uns nicht vor Enttäuschungen bewahrte, so hat die eindeutige Stellung des Meisters doch in diesem Fall – nicht immer ists gelungen – mit durchschlagendem Erfolg verhindert, daß man ihn mit der sogenannten Erneuerungsbewegung, der der junge Offizier diente, in Zusammenhang brachte; dieser selbst ist später ins Dunkel verschollen, so wie George es voraus gesehen hatte.

 Oft hat sich wie in diesem Fall gezeigt, daß die wirkliche Gefahr nicht von draußen kam. Daß Unberufene sich auf die Dichtung beriefen, war bei der Öffentlichkeit des Werkes nicht zu verhindern, – es hat bis heute nicht ernstlich geschadet und kann es auf die Dauer auch nicht tun, da jedes Wahre Wort in sich die Kraft hat, falsche Adepten wieder abzustoßen. Indessen sehr viel schwerer wars und ists, die andere Gefahr zu bannen, die sich aus dem jugendlichen, mit wachsender innerer Sicherheit gesteigerten Wirkungswillen gerade der besten Jünger zwangsläufig ergeben mußte. Die Apostel, die der Welt ein Evangelium zu verkünden hatten, waren in einer Hinsicht vor eine leichtere Aufgabe gestellt als Platons oder Georges Freunde, die nicht durch eine neue Botschaft, sondern durch ihr neues Wesen, ihr neues Sein sich als die rechten Träger des Geistes erweisen mußten, – ein Wesen, das sich nur als Gestalt und in Gestaltung kundtat und hierdurch zwiefach nicht nur die Gegenwelt, sondern das Schicksal herausforderte...

Neuen adel den ihr suchet
Führt nicht her von schild und krone –

 heißt es im „Stern“. Für Dogmatiker, die nicht das Gedicht, geschweige das Werk zu Ende lasen oder, wenn sie es doch taten, nur das ihnen Passende daraus entnahmen, lag in diesen Worten eine Verdammung des alten Adels beschlossen. So kam einst Woldemar Uxkull in heller Verzweiflung in die Zähringerstraße: seine Freunde hatten ihm diese Verse vorgehalten und seine unentrinnbare Verwerfung daraus erschlossen. Es war nicht gerade ein Zeichen innerer Weges-Gewißheit, wenn der Bruder des Grafen Bernhard Uxkull, dessen Andenken eines der bedeutendsten späten Gedichte Georges gewidmet ist, so leicht seine Fassung verlor. Nicht minder leicht war er zu trösten. Die Deutung, daß keiner durch seine Abstammung, jeder nur durch sein Wesen gelte und also die Herkunft weder die Erwählung noch die Verwerfung begründe, hat ihn schnell beruhigt. Aber der Zwischenfall gab doch den Anlaß, beim nächsten Zusammensein an den Meister die Frage zu richten, ab „der augen wahre glut“ immer die Gewähr der rechten Wahl gebe. George erwiderte: Für mich: ja. Aber könnt Ihr wahr und unwahr unterscheiden? Indessen ließ er es nicht bei der Gegenfrage bewenden, sondern wie es oft im Gespräch seine Art war, so führte er auch hier vom Allgemeinen zum Besonderen zurück. Es äußerte sich in diesem Vorgehen wohl nicht nur seine bäuerliche Natur, die auch im Geistigen das handfest Sicht- und Greifbare bevorzugte; vielmehr leitete ihn auch eine lange Erfahrung: wo ihm – dem Dichter-Weisen – im einzelnen Menschen und Geschick, in der einzelnen Gebärde und Handlung ein Allgemeines entgegengetreten, das sich zu Bild oder Tafel verdichtete, da waren die Jünger, denen der Lebensvorgang sich entzog, nur allzuleicht geneigt, aus der Tafel dogmatisch eine Lehre herauszuspinnen, – eine Lehre, die doch gerade für George ihre Rechtfertigung nur in der Kraft des Lebens hatte .. Darum wohl fügte er auch diesmal nachdenklich hinzu: „Erst die Ausnahme bestätigt das Gesetz.” Mit wacher Witterung sei es wohl immer möglich, die Glut der Augen wahr zu nehmen und ihr Verlöschen. Aber es könne auch dichterisch beschwingte Menschen geben, denen nicht nur das Feuer der Augen, sondern jeder sichtbare Adel fehle. Dies habe er gelernt an einem jungen Menschen, der in jeder Weise unansehnlich daher kam, der noch dazu aus einem protestantischen Pfarrhaus stammte. – Die bildende Kraft des Pfarrhauses ist mit Nietzsche metaphysisch erschöpft, das wissen Sie doch?, – und „dieser unbedarfte Jüngling“ sei der Verfasser der Orpheus-Sonette (Blätter für die Kunst. 10. Folge) und jetzt des Nietzsche-Buchs (Nietzsche. Versuch einer Mythologie. Berlin 1918).

 Die negative Erwähnung der protestantischen Herkunft ließ den Besucher fragen, ob also doch die Abstammung oder die Konfession von Bedeutung sei. „Intra muros nein!“, erwiderte der Meister; er hoffe sogar, es noch zu erleben, daß auch die Kritikaster und Politikaster unter den Deutschen – bei andern Völkern sei es ohnehin besser – eines Tages begriffen: es komme nicht darauf an, ob einer Katholik oder Protestant oder Jude sei oder gewesen sei, sondern nur, ob er zu ihm und seinen Freunden gehöre. Aber solange dieser Punkt nicht erreicht werde, gelte es, extra muros bei Handlungen, die auf zeitliche Wirkung abstellen, eine gewisse Vorsicht walten zu lassen. So habe er bei den Jahrbüchern für die geistige Bewegung – zum großen Mißvergnügen beider Herausgeber – darauf geachtet, daß unter den Mitarbeitern keine Konfession überwog. Den Vorwurf katholisierender Tendenzen habe zwar diese Vorsicht nicht verhindern können; aber immerhin sei es erschwert gewesen die „Jahrbücher“ als katholisch oder jüdisch abzutun, und die Einsicht in die eigenwüchsige Einheitlichkeit der geistigen Haltung des Dichterkreises sei wohl doch erleichtert worden. „Aber wer weiß? vielleicht haben wir durch die notwendige Wahl der politischen Mitte das bleibende Maaß der richtigen Mischung gefunden?...“

 Die richtige Mischung, – das besagte aber ganz ebenso wie die Worte vom „neuen adel“, daß George tief von der Notwendigkeit und dem Bevorstehen einer völligen Neuordnung durchdrungen war. Wenn er die Revolutionäre seiner Lebenszeit in allen ihren Schattierungen ablehnte, so geschah es nicht, weil er weniger radikal als sie dachte, sondern weil er die Schäden von Wirtschaft und Gesellschaft, die sie durch scharfe Heilmittel oder völligen Umsturz behebbar meinten, als bloße Zeichen einer tiefen Erkrankung des menschlichen Wesens erkannte, – er sah in eine andre Tiefe als sie und erwartete daher nur aus fernster Ferne die Erneuung. In dem sichtbaren Erlahmen und Versagen der regierenden Schichten aller Völker vernahm er ein Signal der Wendezeit, – er wußte, daß wie beim Ausgang der Antike, so auch heute wieder die Träger neuer Ordnung wie die Träger neuen Heiles „stammlos im Gewühle” wachsen. Aber auch er erfuhr, daß den prophetischen Ton zu hören, nicht jedem Stamm und nicht jeder Schicht in gleicher Weise gegeben ist, und so stammten viele der „Stammlosen“ um ihn aus altem Blut- oder Geistesadel, – nicht erwählt und nicht verworfen ob ihrer Herkunft, adlig nicht durch ihre Ahnen, sondern durch ihr Wesen und durch seine Kür. In diesem Sinne vereinen sich die Verse des „Sterns“ mit der Zusammensetzung des Bundes, – in diesem Sinne grenzen schon frühe Verse seine erneuerungswillige Schar von den neuerungssüchtigen Tageswirkern ab:

Sucht ihr neben noch das übel
Greift ihr aussen nach dem heile:
Giesst ihr noch in lecke kübel
Müht ihr euch noch um das feile.
Alles seid ihr selbst und drinne.